Page 39 - Pan Januar 2020
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 Wir haben unseren ANSTAND beim Einkau- fen verloren. Wir sind den Menschen untreu geworden, die uns seit unserer Kindheit mit ihrem Handwerk begleitet haben - den Metgern. Für welchen Preis?
Ich erinnere an dieser Stelle an unseren PAN-Artikel vom März 2018 „Spaghetti Bolo... als sich nachts nicht schlafen konnte.“
Da ging es um Bolognese-Fertigprodukte. Ich würde mir echt wünschen, dass ihr eu- rer Smartphone zückt und diesem QR-Co- de folgt. Dann wird deutlich, dass ich mich hier nicht künstlich echauffiere, sondern dass dies der Extrakt einer gewachsenen Erkenntnis ist.
Lasst uns noch mal kurz gemeinsam über Alfred Biolek nachdenken, auch wenn ich gerade springe. Ist euch aufgefallen, welch großes Vakuum dieser Mensch in der ko- chenden Medienlandschaft hinterlassen hat? Auf allen Kanälen wird gebrutzelt, aber mit welchen begleitenden Botschaf- ten? Ich frage mich, mit welcher Mission die Macher von dem „Perfekten Dinner“ unterwegs sind. Nennt es „Nörgel-Din- ner“, das wäre ehrlich und das würde den Kern treffen, worum es da geht. Die lassen da zum Teil Menschen mit dem IQ eines Fischbrötchens mitmachen. Die sind in- tellektuell und kulinarisch nicht in der Lage eine Schlangengurke von einer Me- lone zu unterscheiden und faseln dann bei der Bewertung des Menüs der anderen etwas wie „Die Textur auf dem Teller war mir nicht stimmig genug.“
Es ist keine Schande, nicht oder nur mäßig kochen zu können. Aber dann gilt der ein- fache und schlichte Grundsatz von Dieter Nuhr: „Wenn man keine Ahnung hat, ein- fach...mdFh.“
Warum rege ich mich darüber so auf? Weil bei diesen Formaten mitschwingt, dass auch der Blödeste das Recht hat, andere zu kritisieren, ohne selbst etwas auf der Pfanne zu haben. Wir leben im Plem- Plem-Land .... nicht nur kulinarisch.
Ich verliere mich, wo war ich .... ach ja, beim ANSTAND. Ich finde diese Formate unan-
ständig. Mir fehlt es an einem wertschät- zenden Kochformat, wie das bei dem gu- ten Alfred der Fall war. Da stand das echte Gastgebertum, die Freude am Kochen und am echten Gespräch im Focus und nicht die Finde-den-Fehler-Penetranz.
Ich habe fertig - zumindest vorläufig. Ich bin stark geneigt, dem ganzen einen eige- nen Artikel zu widmen. Ach, was schreib ich.... Nachricht an mich selber: MACHEN! Dann geht es auch diesen unsäglichen Restaurant-Tester-Soaps an den Kragen.
Jetzt aber wirklich zurück zum Thema „Metzger unseres Vertrauens“. Folgt uns doch bitte gedanklich bei einem Fleisch- einkauf. Wenn wir aus unserem Verlag auf die Münsterstraße treten, müssen wir 72 Meter nach rechts laufen oder 223 Meter nach links, dann sind wir bei den Metzgern unseres Vertrauens in unserem Nahfeld. Wir konnten bis vor wenigen Jahren auch die Straße überqueren, denn der Discoun- ter IDLA (Name durch die Redaktion verän- dert) liegt auch nur 157 Meter von uns ent- fernt. Das geht heute nicht mehr. Warum? Weil wir aus gewachsener Erkenntnis und tiefster Überzeugung einen Vertrag mit uns selber beschlossen haben, kein Fleisch mehr beim Discounter zu kaufen.
Wenn ihr an den Jahreswechsel denkt und die oftmals damit verbundenen Vorsätzen für das neue Jahr, ist es bisweilen ganz schön schwierig, das eigene Verhalten zu korrigieren. Mir helfen diese „Verträge mit mir selbst“, um eine echte Verhaltensän- derung einzuläuten.
Mit diesem mentalen Vertrag war ich un- längst auf dem Weg in die Stadt. Was ko- chen wir denn am Wochenende für unse- re Freunde, für uns? Vielleicht mal wieder was aus der Rubrik „Vergessenes Fleisch?“ Also Teile, Gerichte die uns Steak-Ge- wöhnten kaum noch in Erinnerung sind.
Und so kehrte ich diesmal bei der Metz- gerei zur Linken ein, um mit Frau Buchow genau darüber zu philosophieren. Wir sprachen über ihre Leidenschaft für das „Arbeiter-Kotelett“ - den in Ei und Panier- mehl gebadeten Scheiben des Schweine- bauches, die danach kross gebraten wer- den. Ich ließ mich aufklären, dass junge Menschen insbesondere Hackfleisch und mageres Geflügel bevorzugen. Und das es von Vorteil ist, wenn die Teile irgendwie
Thermomix-kompatibel sind und wenig Arbeit verursachen.
Ich hatte vorher unser Freundin Anja bei Huckelberry’s getroffen, wo wir über be- sagtes „vergessenes Fleisch“ plauderten. Anja erwähnte den Begriff „Leiter.“ Frau Buchow erklärte mir, dass damit Rinder- rippen gemeint sind.
Also, demnächst werden wir ein Gericht aus der Rinderrippe kreieren. An diesem Wochenende war es ein amtliches Stück „Schulterbraten - wie gewachsen“ (vom Schwein), das den Weg von der Fleisch- auslage in unseren Backofen fand. An die- ser Stelle bleibt nur der Verweis auf die Fotos und das Feedback unserer Freunde „Wat ne Ardigkeit.“ Damit war gemeint: Mit Orangen-Curry lackierte Schweine- schulter auf Lauchgemüse, mit Wasabi- Kartoffel-Püree.
In diesem Sinne,
mit inspirierend-kulinarischen Grüßen Eure Kitchen-Friends
   Lebensart















































































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