Page 62 - PAN Dezember 2019
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  Wichtig? Oder eher nicht?
„DER WEIHNACHTS-
BAUM“
Welche Frage zum Serienbeitrag im Dezember liegt näher, als die nach dem Weihnachtsbaum? Wie kein anderer „Gegenstand“ steht dieser Immergrüne für die christliche Weihnachtszeit. Doch ist das in jedem Haushalt so? Ist es eine Glaubensfrage? Hängt am Weihnachtsbaum eher Erinnerung und Tradition?
Ich fragte nach.
VON UTE BOYSEN
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 Inken Kahnert (81) freute sich auf ein Ge- spräch zum Thema „Weihnachtsbaum“, denn ihre spontane Antwort lautete: „Sehr wichtig! Ohne geht es nicht!“ Ge- rade ihre Kindheitserinnerungen würden Jahr für Jahr wieder geweckt, wenn es auf das Weihnachtsfest zugeht. „Bei uns auf Sylt in Süderende gab es ein kleines Wäldchen und jedes Jahr haben mein Va- ter, mein Bruder und ich dort einen Baum selbst geschlagen. Kaufen ging ja nicht, es gab nichts.“ Sie blickt zurück in die Nach- kriegsjahre und erinnert sich, dass sogar die Kerzen selbst gegossen wurden, denn auch diese konnten nirgends gekauft wer- den. Was heute schon als schönes Hobby
angesehen wird, galt da- mals als bittere Not – das Kerzengießen.
Dennoch erinnert sich In- ken K. gerne an diese Zei- ten zurück. „Traditionell durfte der Baum erst am
Heiligabend gesehen werden“, sagt sie und fügt hinzu, dass auf Sylt in der damaligen Weihnachtszeit viel Schnee lag. „Wir Kin- der legten Heiligabend Heu aus für die Rentiere und warteten gespannt darauf, den Weihnachtsmann mit seinem Rentier- schlitten am Himmel zu sehen“, lacht die Seniorin. Tatsächlich war das Heu irgend- wann verschwunden – aber gesehen hat- ten sie nichts und niemanden. Und dann erklang aus dem Wohnzimmer das Glöck- chen.
„Es war ein wundervolles Erlebnis, den glänzenden strahlenden und leuchtenden Weihnachtsbaum zu sehen, damals noch
mitechtenKerzenundflackerndemwar- men Schein.“ Nicht die bescheidenen Geschenke waren wichtig und nicht ein opulentes Weihnachtsessen. Es war die Schönheit des Weihnachtsbaumes, das heimelige Gefühl im Kreis der Familie, was die warmen Erinnerungen von Inken K. ausmachen.
Im Jugendalter erfuhren Fest und Baum eine Veränderung, so wie es auch bei je- der weiteren Generation geblieben ist. Andere Dinge rücken in den Vorder- grund, werden wichtiger, bedeutender. „Aber der Weihnachtsbaum war mir im- mer extrem wichtig und so war es auch bei meiner Mutter. Bis ins hohe Alter ihrer Selbstständigkeit hatte auch sie niemals auf den geschmückten Baum verzichten wollen. Als es meiner Mutter nicht mehr so gut ging und alles ein wenig beschwer- licher wurde, kaufte sie einen künstlichen Baum. Doch ohne fand auch bei ihr kein Weihnachtsfest statt!“
Vital




















































































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